Intersektionalität

Intersektionalität

Mit Intersektionalität wird ein Bündel theoretischer Ansätze bezeichnet, die das Wechselverhältnis von Geschlecht und weiteren sozialen Ungleichheiten erfahren wollen. Es umfasst die Wechselwirkungen von Diskriminierungen nach sozialen Gegebenheiten wie vor allem Geschlecht, Klasse, Ethnie, aber auch sexuelle Orientierung, Religion, Behinderung … Diese Kategorien stehen nicht bloß nebeneinander oder wirken in additiver Weise, sondern in wechselseitiger Beziehung, als ein komplexes Gefüge. Die Verwobenheit kann zu wechselseitiger Verstärkung, Abschwächung oder auch zu Veränderung führen.

Ein Gedankenexperiment zum besseren Verständnis: Ziemlich beste Freunde (Originaltitel: Intouchables) war 2011 ein ausgesprochen erfolgreicher französischer Film. Er handelt von zwei sehr unterschiedlichen Personen, Philippe und Driss. Der vom dritten Halswirbelkörper an abwärts gelähmte Großindustrielle Philippe sucht eine Pflegekraft. Der arbeitslose vorbestrafte Driss – schwarzafrikanischer Herkunft – bewirbt sich und wird wider Erwarten aufgenommen, obwohl er den Job eigentlich gar nicht will. Zwischen dem depressiven Philippe und dem unkonventionellen Driss entwickelt sich eine Freundschaft, die letztendlich beiden zu neuen Perspektiven und Philippe zu einer neuen Liebe und späterer Ehe verhilft. Der Film beruht offenbar auf einer wahren Begebenheit.

Philippe ist behindert, gebildet und reich, Driss ist schwarzafrikanischer Herkunft und arm, offensichtlich auch ohne höhere Schulbildung. Nun erhebt sich die Frage: könnte die Geschichte funktionieren, wenn Philippe behindert, schwarz und reich wäre, Driss aber weiß und arm? Vermutlich ja, denn der Faktor „Reichtum“ würde den Faktor „ethnische Herkunft“  neutralisieren. Was aber, wäre Philippe behindert, weiß und arm, Driss schwarz und reich? Sie würden nichts miteinander zu tun haben, Philippe könnte sich schlicht keine Pflegekraft leisten. Was nun, wenn der Faktor „Geschlecht“ ins Spiel kommt, wenn wir uns Philippe behindert, weiß, reich und weiblich, Driss schwarz, arm und männlich denken? Könnte daraus eine Liebesgeschichte werden? Eher nicht. Umgekehrt bei der Vorstellung: Philippe behindert, reich, weiß, männlich und Driss arm, schwarz, weiblich? Das würde schon eher zu einem Filmdrehbuch mit happy end zwischen den ProtagonistInnen passen, nach dem Schema weißer, mitleiderregender, reicher Prinz findet arme, schwarze, Krankenschwester. Und wenn die Geschichte überhaupt von zwei Frauen handelte? Weiß, behindert, reich vs. schwarz und arm? Kommt die Dimension „sexuelle Orientierung“ dazu, wären die Ausgangslagen wieder völlig anders, desgleichen, wenn auch noch das Alter ins Spiel käme… (Vgl. Kronberger, S. (2014). Vorwort: Schwerpunkt Intersektionalität. In Erziehung und Unterricht 2014).

Es wird also leicht sichtbar, dass die Kreuzungspunkte zwischen unterschiedlichen Differenzlinien – hier sozialer Status, ethnische Herkunft, Behinderung, Geschlecht,  sexuelle Orientierung, Alter, auch Religion, völlig unterschiedliche Ausgangssituationen und Möglichkeiten von Entwicklung definieren.